Knochenleitungs-Hörsysteme: Bauformen und Einsatzbereiche

Autor:

Iris Oerkwitz

Veröffentlich am:

5. Februar 2026

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Das Wichtigste in Kürze

  • Knochenleitungs-Hörsysteme leiten Schall nicht über das Trommelfell, sondern direkt über den Schädelknochen an das Innenohr weiter und ermöglichen so Menschen mit Schallleitungsschwerhörigkeit oder Fehlbildungen des äußeren – oder Mittelohres ein klares Hörerlebnis.
  • Sie eignen sich besonders dann, wenn das Mittelohr geschädigt ist, das Innenohr jedoch intakt ist.
  • Es gibt verschiedene Bauformen, von Brillen- und Stirnbandlösungen über Headsets und Klebesysteme bis hin zu implantierbaren Varianten für eine dauerhafte Hörversorgung.
  • Der Eingriff für implantierbare Systeme ist minimalinvasiv und hinterlässt meist kaum sichtbare Spuren.
  • Auch Kinder können von der Knochenleitung profitieren, etwa durch Softbands oder andere nicht-operative Systeme, die sich flexibel anpassen lassen.

Was versteht man unter einem Knochenleitungs-Hörsystem?

Ein Knochenleitungs-Hörsystem ist eine moderne Hörlösung für Menschen, bei denen herkömmliche Hörgeräte nicht ausreichend wirken, etwa aufgrund einer Schallleitungsschwerhörigkeit oder Fehlbildungen des äußeren Ohres. Während bei normalem Hören Schallwellen über die Ohrmuschel an das Trommelfell und die im Mittelohr liegenden Gehörknöchelchen zur Hörschnecke im Innenohr weitergeleitet werden, um dort in elektrische Signale umgewandelt zu werden, nutzt ein Knochenleitungs-Hörsystem einen alternativen Weg: den direkten Transport des Schalls über den Schädelknochen zum Innenohr.

Diese Form der Schallübertragung nennt man Knochenleitung. Die Schwingungen gelangen dabei über den Schädelknochen direkt an die Gehörschnecke, ohne das Mittelohr zu passieren. So können Menschen mit beschädigtem Trommelfell oder Gehörgang weiterhin klar hören. In gewisser Weise machen sich Knochenleitungs-Hörsysteme ein natürliches Prinzip zunutze, auch Tiere wie Elefanten nehmen Vibrationen über den Boden und ihre Knochen wahr.

Es gibt sowohl implantierbare als auch nicht-implantierbare Knochenleitungs-Hörsysteme. Bei der implantierbaren Variante wird ein kleiner Titan- oder Magnetanker chirurgisch im Knochen hinter dem Ohr verankert. Dieser überträgt die Schallschwingungen direkt an das Innenohr, das Implantat verbleibt dauerhaft im Knochen und muss nur in seltenen Fällen ersetzt werden, beispielsweise bei Infektionen oder mechanischen Defekten.

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In welchen Fällen eignet sich ein Knochenleitungs-Hörsystem?

Die meisten schwerhörigen Menschen sind von einer Innenohrschwerhörigkeit betroffen, dazu zählen beispielsweise die Alters- oder Lärmschwerhörigkeit. In diesen Fällen können klassische Luftleitungshörgeräte, also herkömmliche Hörsysteme, sehr gute Ergebnisse erzielen. Doch wenn die Schallübertragung über das Mittelohr gestört ist, stoßen solche Geräte an ihre Grenzen.

Hier kommen Knochenleitungs-Hörsysteme ins Spiel.

Diese spezielle Form der Hörhilfe eignet sich besonders für Personen, bei denen die Schallleitung im Ohr beeinträchtigt ist, das Innenohr aber weiterhin gut funktioniert. Durch die direkte Übertragung des Schalls über den Knochen umgehen Knochenleitungs-Hörsysteme den geschädigten Teil des Ohres und leiten die Schwingungen direkt an die Gehörschnecke weiter.

Auch kombinierte Schwerhörigkeiten die eine Schädigung im Mittelohr und Innenohr aufweisen, können bis zu einem gewissen Grad gut mit einem Knochenleitungssystem versorgt werden.

Knochenleitungs-Hörsysteme sind vor allem sinnvoll bei:

  • Fehlbildungen des äußeren oder Mittelohres, zum Beispiel der Ohrmuschel oder des Gehörgangs
  • Entzündlich- oder narbenbedingten Verengungen des Gehörgangs
  • Schallleitungsschwerhörigkeit aufgrund einer Verformung, Verhärtung oder des Fehlens der Gehörknöchelchenkette
  • Stark beschädigtem Mittelohr
  • Chronischer Mittelohrentzündung
  • Einseitiger Taubheit um den Schall über den Schädelknochen zur hörenden Seite zu transportieren (eine Art CROS-Versorgung)

Knochenleitungs-Hörsysteme sind eine gute Wahl, wenn die mechanische Schallübertragung im Ohr gestört ist, das Innenohr jedoch weitgehend gesund ist. Ist das Innenohr hingegen ebenfalls stark geschädigt, kann ein Cochlea-Implantat eine geeignete Alternative sein.

Welche Bauformen gibt es bei Knochenleitungs-Hörsystemen?

Knochenleitungs-Hörsysteme gibt es in unterschiedlichen Bauformen, die sich in Tragekomfort, Technik und Anwendungsbereich unterscheiden. Welche Variante am besten geeignet ist, hängt von der individuellen Hörsituation, dem Alter der betroffenen Person und der gewünschten Trageweise ab.

Brille

Bei dieser Lösung ist das Knochenleitungssystem direkt in eine Brille integriert. Der oder die Träger*in setzt einfach die Brille auf und durch den Anpressdruck der Bügel hinter dem Ohr wird der Schädel durch den in Vibration umgewandelte Schall in Schwingung versetzt.

Einige Hersteller bieten praktische Klicksysteme, mit denen sich das Hörsystem flexibel an verschiedene Brillenmodelle anbringen lässt. Hierzu kommen allerdings nicht alle Modelle in Frage und die die Voraussetzung ist, dass die Brillen zuvor leicht angepasst werden und dann nur noch in Kombination mit dem Knochenleitungsgerät genutzt werden kann.

Durch die geringe Flexibilität ist diese Variante nicht mehr sehr verbreitet.

Stirnband

Eine besonders schonende Form der Knochenleitung stellt das Stirnband dar. Hier sind die Schallüberträger in ein weiches Band eingearbeitet, das angenehm auf der Haut liegt und kaum spürbar ist. Diese Lösung ist vor allem für Kinder geeignet, sie bleibt auch beim Spielen sicher an Ort und Stelle und erfordert keine Operation.

Headset

Bei dieser Variante ist das Hörsystem in einen leichten Bügel integriert, der auf dem Kopf aufliegt. Viele Modelle lassen sich individuell anpassen, sodass sie bequem und sicher sitzen.

Zum Aufkleben

Etwas ungewöhnlicher, aber sehr innovativ ist das Knochenleitungshörsystem zum Aufkleben. Das System wird direkt auf der Haut befestigt und überträgt die Schwingungen ohne Druck auf Knochen oder Haut. Diese Variante eignet sich ideal für Kinder und Babys, da sie ohne chirurgischen Eingriff auskommt und sich unkompliziert testen oder wechseln lässt.

Implantat

Die technisch aufwendigste Form ist das teilimplantierte Knochenleitungs-Hörsystem. Dabei wird eine kleine Titanschraube, ein Magnet oder das bei einigen Systemen auch ein Vibrationselement im Schädelknochen verankert, die als feste Verbindung zwischen Schallgeber und Knochen dient. Hieran wird dann ein außenliegender Prozessor angebracht.

Die Schallvibrationen werden dadurch besonders effizient an das Innenohr übertragen. Diese Lösung wird vor allem bei ausgeprägten Schallleitungsschwerhörigkeiten empfohlen und bietet eine dauerhafte, stabile Hörversorgung.

FAQ

Das hängt von der Bauform ab. Externe Knochenleitungs-Hörsysteme wie Brillenmodelle, Headsets oder Stirnbänder sind meist sehr dezent gestaltet und fallen im Alltag kaum als Hörsystem auf. Systeme zum Aufkleben sind nahezu unsichtbar, da sie flach auf der Haut liegen.

Implantierbare Knochenleitungs-Hörsysteme hingegen bestehen aus einem kleinen Implantat unter der Haut, außen sichtbar ist lediglich ein kompakter Soundprozessor, der meist hinter dem Ohr getragen wird und farblich an die Haar- oder Hautfarbe angepasst werden kann.

Es gibt inzwischen auch voll implantierbare Systeme, die aber nicht für jede*n Patient*in in Frage kommen. Durch die eingeschränkte technische Ausstattung und mangels freiem Zugang zum Prozessor, können diese leider auch nicht mit einer Höranlage kombiniert werden.

Ja, auch Kinder profitieren sehr von Knochenleitungs-Hörsystemen. Besonders junge Kinder können die Technologie zunächst ohne Operation testen, etwa mit einem Softband oder Kopfbügel, an dem der Hörprozessor befestigt wird. Das flexible Band liegt sanft auf dem Kopf auf und überträgt die Schwingungen zuverlässig an den Knochen hinter dem Ohr. So lässt sich früh feststellen, wie gut ein Kind mit der Knochenleitung hört, bevor über eine spätere Implantation entschieden wird. Für Kinder mit temporären Hörproblemen ist das Softband ebenfalls eine schonende, reversible Lösung.
Ja. Wenn eine medizinische Indikation besteht, etwa weil mit herkömmlichen Hörgeräten keine ausreichende Hörfähigkeit erzielt wird, übernehmen gesetzliche Krankenkassen in der Regel die Kosten für ein Knochenleitungs-Hörsystem. Dazu zählen die ärztliche Diagnostik, der operative Eingriff (falls notwendig) sowie die Nachsorge und Anpassung des Systems.

Knochenleitungs-Hörsysteme gelten als sehr sicher, dennoch können, je nach Modell, geringfügige Nebenwirkungen auftreten. Bei Stirnbändern oder Headset-Lösungen kann der notwendige Anpressdruck zu leichten Druckstellen oder Kopfschmerzen führen, insbesondere bei längerer Tragedauer.

Implantierbare Systeme bergen das übliche Operationsrisiko, etwa leichte Hautreizungen oder seltene Entzündungen im Bereich des Implantats. Diese Komplikationen treten jedoch äußerst selten auf. Ärztinnen und Ärzte informieren vor dem Eingriff umfassend über mögliche Risiken und geeignete Pflegehinweise.

Ja, für viele Systeme gibt es Anschlussmöglichkeiten an verschiedene Hörübertragungsanlagen.

In den nächsten Wochen stellen wir Ihnen die gängigen Prozessoren und deren Möglichkeiten zur Einbindung an das sehr verbreitete Phonak Roger System vor.

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